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20-Feb-2000

Meine Meinung

Zur nachträglichen Bio-Stabilisierung von Hausmülldeponien

Leitbild "Altdeponie" von Stegmann, Ritzkowski, Ehrig

Im Januar 2000 fand in Hamburg die Fachtagung "Deponietechnik 2000" statt. Die Vorträge sind in Hamburger Berichte 16 veröffentlicht. Veranstalter und Herausgeber des Buches waren/sind die Professoren Stegmann, Rettenberger, Bidlingmaier und Ehrig.

Hier wir nur auf den Beitrag "Überlegungen zum Leitbild "Altdeponie" von Stegmann, Ritzkowski und Ehrig (Seite 313-322) Bezug genommen, weil er für die zur Zeit heftigen Diskussionen um den richtigen Abschluß der Altdeponien und ggf. die Anforderungen in einer Deponieverordnung besonders interessant ist.

Die Verfasser kritisieren die Anforderungen an Altdeponien in der TA Siedlungsabfall, hauptsächlich die Forderung nach einer hochwertigen Oberflächenabdichtung. Dieses Konzept übertrage die Abfallprobleme auf zukünftige Generationen (Stichwort: Mumifizierung). Die Kosten für die Kombinationsabdichtung als Oberflächenabdichtung seien zu hoch. Insgesamt handele es sich sich um eine Philosophie der unbegrenzten Konservierung der Abfälle, wodurch das Emissionspotential auf Dauer erhalten bleibe. Betont wird, daß nach Auffassung der Verfasser die Funktionstüchtigkeit der Oberflächenabdichtung auf lange Sicht ebensowenig wie die Funktionsfähigkeit eines Leckdetektionssystems garantiert werden könne. Zusätzlich wird die Frage nach der Verantwortlichkeit für die Kontrolle und mögliche Reparaturen gestellt.
Daher sei es dringend erforderlich, ein Leitbild "Altdeponie" zu entwerfen, mit dem keine Abstriche am Umweltschutz verbunden sein dürfen. Hauptziel dieses Leitbildes "Altdeponie" sei es, daß Deponien, möglichst in einem überblickbaren Zeitraum (25 - 50 Jahre), sich selbst überlassen werden können, nach dem die dann noch auftretenden Emissionen umweltakzeptabel sein sollten.

Meine Meinung: Durch die Anforderungen an neue Deponien der Klassen I und II gemäß TA Siedlungsabfall, insbesondere durch die Zuordnungskriterien zur Ablagerung gem. Anhang B sollte genau das erreicht werden, was die Verfasser wollen, wobei als zusätzliche Sicherheit eine Oberflächenabdichtung gefordert wurde, die möglicherweise - und nach Auffassung vieler - zuviel des Guten war.

Die grundsätzlichen Überlegungen der Verfasser zum Leitbild Altdeponie, die Ausführungen zum Langzeitsickerwassermanagement, zur Sickerwassermengenminimierung, zur Sickerwasserqualitätsminimierung, zur Sickerwasserbehandlung, zum Restgasmanagement machen die wohlbekannten Schwächen der Hausmülldeponien deutlich, die letztlich zu den Anforderungen an neue Deponien in der TA Siedlungsabfall geführt haben.

Das Langzeitsickerwassermanagement im Leitbild "Abfalldeponie" wird erforderlich, weil die Verfasser auf die dichte Oberflächenabdeckung (Oberflächenabdichtung) verzichten wollen - weil sie nicht an die langfristige, die ewige Wirksamkeit glauben (was viele nicht tun). Dafür empfehlen sie (Sickerwassermengenminimierung) eine Wasserhaushaltsschicht (was viele andere - aber zusätzlich - tun; siehe dazu auch Hinweise auf das HELP - Modell). Trotzdem rechnen die Verfasser mit Sickerwassermengen von ca. 10% - 15% des Niederschlages! (Ist das nicht mehr, als manche Deponiebetreiber bei offenen Deponien angeben?) Die Sickerwasserqualität soll durch eine in situ Belüftung verbessert werden (Sickerwasserqualitätsminimierung), wodurch eine Schadstoffentfrachtung in kürzerer Zeit erreicht werden soll. Hinsichtlich der Sickerwasserbehandlung wird empfohlen, darüber nachzudenken, ob nicht die Anforderungen, z. B. an den CSB gesenkt werden können, weil der CSB-Grenzwert von 200 mg/l im Anhang 51 der Rahmen AbwasserVerordnung nicht unbedingt erforderlich sei. Für das Restgasmanagement wird langfristig die Methanoxidation in der Oberflächenabdeckung/Oberflächenabdichtung empfohlen.

Es wird trotz dieser kurzen Zusammenfassung sehr empfohlen den Beitrag zu lesen.

Besonders interessant sind die Abschnitte

  • Allgemeine Anforderungen an die Deponienachsorge
  • Gesamtdeponiemanagementkonzept
  • Zusammenfassung und Ausblick

weil die Verfasser hier die Schlußfolgerungen aus ihren vorangegangenen Analysen ziehen.

Allgemeine Anforderungen an die Deponienachsorge der Verfasser sind:

Das Deponie- und Emissionsverhalten von Altdeponien ist zu kontrollieren.
Maßnahmen zur Reduktion des Emissionspotentials von Altdeponien sind durchzuführen - soweit dieses möglich und ökonomisch vertretbar ist!!

Altdeponien sollten als Einzelfälle bewertet werden.
Angesichts des erheblichen Belastungspotentials erscheint es allerdings nicht sinnvoll, diese Bewertung auf dem Niveau der Gefahrenabwehr durchzuführen.
Vielmehr sollte nach Möglichkeit das Vorsorgeprinzip beibehalten werden. Hierbei sind jedoch stets die betroffenen Schutzgüter in die Betrachtungen mit einzubeziehen.

Es ist sicherzustellen, daß auch aus Altdeponien belastende Emissionen soweit wie möglich minimiert werden, ohne daß dadurch die erforderlichen Nachsorgezeiträume auf extrem lange Zeiten ausgedehnt werden müssen. Die Bedingungen der Sickerwasserableitung müssen dringend neu geregelt werden, um der unvermeidlichen Versickerung von belastetem Sickerwasser in den Untergrund Rechnung zu tragen.

Überlegungen über ein mögliches Ende der Nachsorge sind nur hinsichtlich der Sickerwasseremissionen erforderlich.

Vorschläge zum Gesamtdeponiemanagement der Verfasser:

Das Emissionspotential der Deponien muß minimiert (und nicht konserviert) werden.
Derzeitige Deponien sollten als "Bioreaktoren" mit hohen biologischen Stoffumsatzraten betrieben werden.
Um das Emissionspotential im Zuge der weitgehenden Umsetzung der Restorganik weiter zu reduzieren, wird nach Deponieabschluß eine in situ Belüftung (ggf. verbunden mit einer Feuchteeinstellung) empfohlen.
Bei zukünftigen Deponien soll dieses Ziel durch mechanisch/biologische und/oder thermische Vorbehandlung erreicht werden.

Zur Sickerwassermengenminimierung sollten - alternativ zur TASI - eine weitgehend wartungsfreie mineralische Oberflächenabdeckungs-/-abdichtungssysteme (ggf. auch Kapillarsperren) installiert werden, bei denen das System "Speicher mit hoher Evatranspiration" optimiert wird. Eine Nullemission ist nicht zu erwarten.
Bei Altdeponien mit Basisabdichtung:

Die geringen, schwachbelasteten Sickerwassermengen sind in weitgehend sich selbst regulierenden naturnahen Sickerwasserbehandlungssystemen zu behandeln Die Grenzwerte des Anhangs 51 der Rahmen Abwasserverordnung werden - vor allem bezogen auf den CSB - fallweise nicht eingehalten werden können.

Bei Altdeponien ohne Basisabdichtung:

Es muß sichergestellt werden, daß Grundwasser nicht nachteilig beeinträchtigt wird.
Für die Beurteilung der nachteiligen Grundwasserbelastung sollten die Erkenntnisse über die "Natural Attenuation" herangezogen werden.
Die geringen Restgasmengen, sollten ebenfalls in naturnahen Systemen "natürlich" oxidiert werden, wofür ein entsprechender Aufbau der Oberflächenabdeckung / Oberflächenabdichtung erforderlich ist.

Nach einer in situ Belüftung bzw. nach Abschluß einer Deponie, auf der TASI-konform vorbehandelte Abfälle abgelagert worden sind, sollten die "Altdeponien" rechtlich zu "Altablagerungen" werden, wobei die erforderlichen dauerhaften Emissionsschutzmaßnahmen auf der Grundlage der Gefährdungsabschätzung festzulegen sind.
Steht das im Widerspruch zu den Allgemeinen Anforderungen an die Deponienachsorge (siehe oben).

Zusammenfassend und in die Zukunft blickend stellen die Verfasser fest:
Altdeponien sollten ab 2005 nur noch unter der Voraussetzung von Mindeststandards weiter betrieben werden. Kernpunkte der Mindeststandards sind:

  • weitgehend funktionstüchtige Basisabdichtung
  • Sickerwasserfassung
  • Gasfassung

Eine schnellstmögliche Umstellung auf die ausschließliche Ablagerung von vorbehandelten, d.h. belastungsreduzierten Abfällen ist anzustreben.

Für Altdeponien können darüber hinaus folgende technische Maßnahmen vorgesehen werden:

  • Optimierung der Gasbildung, ggf. durch kontrollierte Infiltration von Wasser bzw. Sickerwasser (ggf. nach Vorbehandlung)
  • Reduzierung des Belastungspotentials durch aerobe in situ Stabilisierung der abgelagerten Abfälle
  • Reduzierung des Belastungspotentials durch Auslaugung (unter Beachtung der mechanischen Stabilität der Ablagerung)

Die Maßnahmen zur Reduzierung des Belastungspotentials durch Altdeponien sollten durch weitgehende Maßnahmen zur Erfassung von Deponiegas ergänzt werden.
Im Anschluß an eine Stabilisierung des Deponiekörpers sind im wesentlichen passive Systeme zur Oxidierung möglicher geringer Restmengen an Methan sowie der gering belasteten Sickerwassermengen vorzusehen.

Entscheidend erscheint jedoch eine zuverlässige Kontrolle des Emissionsverhaltens der Altdeponien.

Meine Meinung:
Soweit in aller Kürze das Leitbild "Altdeponie" von Stegmann, Ritzkowski und Ehrig.
Ist es ein neues Leitbild? Was ist neu?

Nicht neu, aber immer noch interessant und bemerkenswert ist die Forderung nach Abbau der biologisch abbaubaren Abfälle in Altdeponien. Entsprechende Forderungen sind vom Bundesrat aus dem Entwurf der TA Siedlungsabfall, den die Bundesregierung vorgelegt hat, gestrichen worden (siehe Bundesratsdrucksache 594/92 (Beschluß) Nrn.: 174 und 178). Die Mehrheit des Bundesrates hat offensichtlich die Konservierung von biologisch abbaubaren Abfällen unter Oberflächenabdichtungen für möglich und angemessen gehalten.

Jedenfalls wollte die Mehrheit des Bundesrates für Altdeponien nicht beides: Nachträglichen biologischen Abbau der abgelagerten Abfälle und Abdichtung der Oberfläche von Altdeponien.

Insofern sind sich die Verfasser des Leitbildes "Altdeponie" und die Mehrheit des Bundesrates (im Februar 1993) einig: Entweder oder!
Die Verfasser des Leitbildes "Altdeponie" wollen aber keine Oberflächenabdichtung, dafür allerdings die nachträgliche Bio-Stabilisierung der abgelagerten Abfälle.
Die Bundesratsmehrheit wollte die Oberflächenabdichtung aber keine nachträgliche Stabilisierung.

Mir erscheint aber der Hinweis wichtig, daß in der TASi den Betreibern von Hausmülldeponien nirgends verboten worden ist, vor Abschluß einer Hausmülldeponie (Altdeponie), die bereits abgelagerten biologisch abbaubaren Abfälle nachträglich zu stabilisieren bzw. die in der Zeit zwischen 1993 und 2005 abgelagerten Abfälle biologisch vorzubehandeln. Aber es wird und wurde nicht getan - wohl aus Kostengründen und weil die zuständigen Deponiewissenschaftler erst zu spät aufgewacht sind und deshalb keine entsprechenden Empfehlungen ausgesprochen haben. Das in Nr. 11 h) der TA Siedlungsabfall ausgesprochene Verbot der Sickerwasserrückführung bei Altdeponien - das m. E. auf ein Versehen der Redaktion zurückzuführen ist - hätte leicht unterlaufen werden können. (Erstens wird es in der Praxis ohnehin unterlaufen, und zweitens werden andere, wenngleich sinnvolle Anforderungen, massenhaft mißachtet)

Was nützt das Leitbild "Altdeponie"? Was könnten, was sollten die zuständigen Behörden, was sollte der Bund für eine Deponieverordnung für Anregungen entnehmen?:

  1. Die herausragende Anregung, ist die Forderung nach einer nachträglichen biologischen Stabilisierung der abgelagerten Abfälle in Altdeponien und Altablagerungen. Sie seien zwingend erforderlich, zumindestens aber wünschenswert.

  2. Es wird bestätigt, daß die Forderung nach Deponiegasfassung in Anhang C der TASi richtig war. (Sie sollte noch durch Forderungen nach der Methanoxidation auch geringer Gasmengen aus offenen Betriebsabschnitten und nicht abgedichteten Flächen ergänzt werden.)

  3. Es wird bestätigt, daß die Forderungen nach Kontrolle des Deponieverhaltens wichtig, ja unerläßlich sind.

  4. Es wird gefordert, daß man konkretere Anforderungen an die langfristige Sickerwasserbehandlung nach Stillegung einer Deponie, aber insbesondere einer Hausmülldeponie (Altdeponie), stellen sollte. Der Betrieb technisch aufwendiger Sickerwasserbehandlungsanlagen erscheint langfristig unrealistisch. Deshalb sei es fahrlässig, keine "naturnahen Systeme" zu entwickeln und vorzuhalten. Wenn die Oberfläche abgedichtet wird, hat man reichlich Zeit für die Entwicklung solcher Verfahren.

Die Forderung 1 sollte besonders ernstgenommen werden. Sie könnte in einer Deponieverordnung etwa wie folgt lauten:

Altdeponien bzw. Altablagerungen und die entsprechenden Altlasten sollten/müssen nachträglich biologisch stabilisiert werden, wenn ein Rückbau und eine ordnungsgemäße Entsorgung der dabei anfallenden Abfälle nicht möglich/sinnvoll ist.

Diese Forderung dürfte natürlich nicht nur für die kleinen Altdeponien bzw. Altablagerungen gelten, sondern erst recht für die großen und besonders problematischen.

Ich nehme anw, daß die Begeisterung für eine Oberflächenabdichtung wieder zunehmen wird, wenn eine solche Forderung (gegen die prinzipiell nichts einzuwenden ist) in der Deponieverordnung droht.

Vielleicht ist es doch praxisnäher und führt schneller zu der vom BMU gewünschten Stillegung von "aus heutiger Sicht ungeeigneter Altdeponien" (Deponiestillegungsprogramm), wenn man Altdeponien, die innerhalb eines Jahres stillgelegt werden bzw. bereits stillgelegt worden sind, wie altlastverdächtige Flächen nach dem Gefahrenabwehrprinzip bewerten und sichern dürfte. An den dann noch weiterzubetreibenden Altdeponien könnte man dann noch alles mögliche ausprobieren, falls eine Kosten-Nutzen-Abwägung ergibt, daß das sinnvoll ist.

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